· 

Handle with care - Ratschläge

"Da brauchst du doch nicht traurig sein. Du musst nur vergeben. Diese Situation hast du dir selbst erschaffen. Da musst du mal überlegen, wieso du solche Leute in dein Leben ziehst. Was hat das denn mit dir zu tun, dass dir das passiert ist? Lass einfach los. Wirst sehen, das hat doch alles einen höheren Sinn. Sei lieber froh, dass es so gekommen ist. Ach Angst, das ist doch nur eine Illusion, entscheide dich einfach für die Liebe. Du bist viel zu sehr im Ego. Du brauchst dich nur selbst lieben, dann bekommst du auch den richtigen Partner. Werte nicht. Fluche nicht. Wenn du so denkst, kreierst du das in deinem Leben. Alles ist ein Spiegel. Sage nicht nicht, muss und aber. Ich verstehe gar nicht was du immer hast, denk doch mal positiv. (...) "

 

Kommt dir das bekannt vor? Da ist jemand, der dir sagt, du sollst nicht werten, während er dich gleichzeitig nach allen Regeln der Kunst aburteilt und dir kühle Phrasen um den Kopf haut. Du schilderst deine Situation und bekommst erleuchtete Hinweise geschmückt mit Eckhart Tolle Zitaten? 

Wo ist das Mitgefühl, dass du gerade so dringend brauchst? Ach? Bedürftig ist sie auch noch. Na, wenn du bedürftig bist, bekommst du gar nichts, das musst du wohl noch begreifen.

 

Ich nenne solche Ratschläge "spirituelle Keulen". Denn für mich fühlen sie sich an, wie  Rat - Schläge. Ich empfinde sie als intellektuelle Abwehr, gegen das Leben. Sie wirken wie Stopschilder. Stop! Ich will nicht wissen, wie Du dich wirklich fühlst, was dich wirklich bewegt. Stop! Ich mag mir selbst nicht anschauen, nicht zumuten, was es mit mir macht, wenn du dich mir wahrhaftig zeigst.

 

Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht und ich, nachdem ich geantwortet habe, wieder einmal einen solchen Hieb mit der Spiri-Keule bekomme, fühle ich mich oft abgebügelt, stummgeschaltet, nicht gesehen, ungerecht beurteilt, einsam, unverstanden, zurückgewiesen und gedemütigt. Ist das hilfreich? Ja, ich könnte jetzt natürlich wieder schauen, was das mit mir zu tun hat und warum es mich verletzt... Und ja, das tue ich auch, vor allem setze ich mich damit auseinander, wie ich meinen Raum sichern kann, um mich gegen solche Übergriffe in Zukunft frühzeitig zu verwahren. Ich könnte mich jetzt zum Beispiel auch fragen: Warum ziehe ich Menschen in mein Leben, die mich belehren wollen? ;-)

 

Ungefragte Ratschläge verhindern echte Verbindung von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz. Ich brauche keine Ratschläge und ehrlich gesagt, brauche ich auch keine Meinung oder Kritik, ich möchte mich mit dem, was jetzt in mir lebendig ist, zeigen dürfen, ohne das jemand drauf haut, nur um sich selbst überlegen zu fühlen. Ich möchte mich gesehen und anerkannt fühlen, mit dem, was ist. Und ich wünsche mir, dass du einfach nur da bist, mit dem was bei dir jetzt lebendig ist. Ich möchte, dass wir lernen, uns unser Sosein und unseren authentischen Selbstausdruck gegenseitig vollständig zu erlauben. Und ich möchte, wenn ich dich doch um deinen Rat gebeten habe und du ihn geben magst, deine Antwort erfahren.

 

Und wenn es uns doch passiert, weil wir Menschen sind und die Muster tief sitzen, dass wir ungefragt Ratschläge erteilen oder schnell mal ein Urteil fällen - auch das bemerken und auch damit sich zeigen... Das ist, was ich unter lebendigem Miteinander verstehe. Wir sind auf dem Weg. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Jane (Montag, 18 Februar 2019 12:31)

    Test Test

  • #2

    Katia (Montag, 18 Februar 2019 18:09)

    Liebe Jane ,

    Danke für deine so klaren unverblümten Worte - genau so ist es. Diese „spirituellen Keulen“( eine hervorragende Bezeichnung- sie ist in meinem Herz verankert ) braucht kein Mensch.